Was will ich eigentlich?
Wenn der Verstand weit trägt – aber auf diese eine Frage keine Antwort hat
Was wollen Sie?
Eine erstaunlich einfache Frage. Und manchmal eine verdammt schwierige. Fragen Sie dagegen:
Was ist jetzt zu tun?
Was ist vernünftig?
Was spricht dafür, was dagegen?
Welche Folgen hätte eine Entscheidung?
Was braucht die Situation und mein Gegenüber?
Darauf fällt die Antwort häufig wesentlich leichter.
Gerade Menschen, die es gewohnt sind, Verantwortung zu übernehmen, haben ihren Verstand über Jahre auf Hochleistung trainiert. Sie können analysieren, Zusammenhänge erkennen, vorausdenken, Entscheidungen treffen und auch dann handlungsfähig bleiben, wenn eine Situation komplex wird. Sie funktionieren hervorragend.
Das ist keine Schwäche. Es ist eine enorme Kompetenz. Und sie bringt Menschen weit.
Doch auf die Frage „Was will ich eigentlich?“ funktioniert das vertraute Instrument plötzlich nicht mehr so zuverlässig. Und der Versuch, mit den gleichen Werkzeugen die Frage nach sich selbst zu beantworten, führt schnell zu:
Was wäre vernünftig?
Was passt zu meinem Leben?
Was kann ich mir erlauben?
Was hätte welche Folgen?
Alles wichtige Fragen. Und doch beantworten sie nicht die Frage, die gerade beantwortet werden will.
Vielleicht braucht es dafür nicht mehr Nachdenken, sondern einen Perspektivwechsel.

Manchmal antwortet etwas, bevor wir gefragt haben
Vielleicht finden Sie beim Aufräumen Ihre alten Malsachen. Sie öffnen den Karton, sehen die Farben und die fein säuberlich ausgesuchten Pinsel – und plötzlich ist da dieses Gefühl. Nicht groß angekündigt. Nicht logisch hergeleitet. Einfach Freude.
Oder Sie nehmen eine Kamera in die Hand, die seit Jahren herumliegt. Nur kurz. Zwei Stunden später fotografieren Sie noch immer. Sie haben die Zeit vergessen.
Und genau solche Momente tragen eine Information. Nicht, weil der alte Malkasten oder eine Kamera eine geheime Botschaft enthält. Das heißt auch nicht, dass Sie jetzt unbedingt wieder malen oder fotografieren müssten.
Aber es verrät, dass etwas in Ihnen reagiert hat.
Deutlich. Unmittelbar. Ohne vorherige Abwägung.
Vielleicht haben Sie nicht vergessen, was Sie wollen. Vielleicht haben Sie nur lange nicht mehr darauf geachtet, woran Sie es erkennen.
Freude ist kein Auftrag. Sie ist eine Information.
Wir sind es gewohnt, Argumente ernst zu nehmen. Freude behandeln wir dagegen erstaunlich schnell wie nettes Beiwerk.
„Dafür habe ich keine Zeit.“
„Das bringt doch nichts.“
„Das ist doch nur ein Hobby.“
Vielleicht.
Aber die interessantere Frage lautet: Warum werde ich ausgerechnet dabei plötzlich so lebendig?
Geht es wirklich ums Fotografieren? Oder um Kreativität? Freiheit? Darum, etwas zu tun, das keinen Zweck erfüllen muss?
Ein kleiner Moment der Freude kann ein Hinweis darauf sein, was in unserem Leben wieder mehr Raum bekommen möchte. Und genau hier beginnt für mich Intuition. Nicht als Gegenentwurf zum Denken. Sondern als Wahrnehmung dessen, worauf etwas in uns reagiert, noch bevor der Verstand eine Erklärung dafür gefunden hat.

Vielleicht braucht es keine neue Richtung. Sondern eine andere Brennweite.
Der Verstand muss dafür nicht verschwinden. Im Gegenteil. Er bleibt eines der stärksten Instrumente, die wir haben.
Aber vielleicht war der Fokus lange auf das eingestellt, was draußen scharf sein musste: Aufgaben, Menschen, Konsequenzen, Erwartungen, Verantwortung.
Die Frage „Was will ich?“ verlangt vielleicht einfach nur eine andere Brennweite.
Plötzlich darf etwas ins Bild, das lange nicht im Mittelpunkt stand: ich selbst.
Neue Fragen können plötzlich mitgedacht werden:
Was zieht mich an?
Was vermisse ich?
Was gibt mir Energie?
Worauf reagiere ich mit echter Freude?
Was fühlt sich längst zu eng an, obwohl es auf dem Papier noch funktioniert?
Die Antworten auf diese Fragen sind in erster Linie Beobachtungen. Sie verlangen keine Veränderung. Sie machen in erster Linie nur erst einmal sichtbar.
Genau dort beginnt Weitenblick
Im Coaching geht es für mich deshalb nicht darum, möglichst schnell ein Ziel zu formulieren oder eine Entscheidung zu produzieren.
Manchmal beginnt die eigentliche Arbeit früher. Damit, den eigenen Fokus wieder zu erweitern. Den Verstand nicht kleiner zu machen, sondern die Informationen hinzuzunehmen, die bisher wenig Gewicht bekommen haben: Bedürfnisse, Intuition, Freude, Resonanz.
Denn vielleicht lautet die Antwort auf „Was will ich eigentlich?“ nicht sofort ein fertiger Satz. Vielleicht zeigt sie sich zunächst in den Momenten, in denen etwas in Ihnen wieder lebendig wird.




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